Sigmar Gabriel: „Europa ist stark, weil wir uns auf Augenhöhe begegnen“

Ist Europa wirklich orientierungslos in einer unbequemen Welt? Bei einer Diskussion auf Einladung der Akademie St. Jakobushaus und Pulse of Europe macht Sigmar Gabriel sehr deutlich, wo die Probleme und Widersprüche deutscher und europäischer Politik liegen.

Gleich zu Beginn wählt er einen drastischen Vergleich: „Wir Europäer gelten jetzt schon als Vegetarier in der Weltpolitik. Wenn die Briten gehen, sehen die USA, China und Russland uns als Veganer. Das mag individuell gesund sein, wenn der Rest Fleischfresser ist, wird’s unangenehm.“


Sigmar Gabriel, Akademiedirektorin Dr. Ruth Bendels und Anne-Kathrin Feldhoff von Pulse of Europe Goslar im Gespräch

Angesichts dieser Konstellation sei für viele der Gedanke einer „deutschen Schweiz“ sehr attraktiv: „wirtschaftlich erfolgreich, aber politisch irrelevant.“ Als größte Volkswirtschaft, als Land mit der größten Bevölkerungszahl und aufgrund seiner geografischen Lage inmitten der EU funktioniere das „Raushalten“ aber nicht:

„Weil dann die anderen europäischen Länder sagen, wir suchen uns andere, die uns helfen. Dann ist es mit dem europäischen Projekt ganz schnell vorbei. Diese anderen sind nämlich echt unangenehme Gesellen.“

Allerdings macht Gabriel auch klar: „Europa funktioniert überhaupt nur, weil wir uns auf Augenhöhe begegnen. Die USA, Russland und China finden das ein komisches Konzept.“

Eine wichtige Rolle spiele auch die Vielgestaltigkeit der europäischen Länder und die Schwierigkeiten, hier außenpolitische Einstimmigkeit herzustellen. Um das anschaulich zu machen, skizziert Gabriel, wie andere europäische Länder auf uns blicken, und macht so deutlich, wie wichtig diese Außenperspektive für deutsche Debatten über Europa und weltpolitische Zusammenhänge wäre. Denn ein Vorwurf, der während der sog. Flüchtlingskrise zutage getreten sei, laute, wir wollten Europa auch moralisch führen. Das hänge damit zusammen, so Gabriel, dass wir immer über Werte redeten, wenn andere Interessen meinten:

„Im französischen Staat gelten die Werte nach innen, nach außen gelten Interessen. Im Prinzip versuchen wir Deutschen, in der Außenpolitik werteorientierte Politik zu machen. Dieses Ausbalancieren von Werten und Interessen war etwas, das wir bisher nicht machen mussten. Die andern verlangen das aber von uns und sagen: Es kann nicht sein, dass ihr euch auf einen moralischen Standpunkt stellt und so verhindert, dass wir in Europa zusammenkommen.“

Bei allen Unzulänglichkeiten und Fehlern bleibe Europa ein "wunderbares Projekt", resümiert Gabriel und lässt sich am Schluss sogar dazu hinreißen, die Wahlbeteiligung bei der kommenden Europawahl zu schätzen: 45,1 %. Wird die Zahl übertroffen, will er in einem Kindergarten vorlesen. Unter dem Gelächter der Gäste ergänzt er: „Und wenn es weniger wird, dann auch!“

Text und Fotos: André Kreye

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