Außenansicht St. Jakobushaus im Winter

Interview der KNA mit Akademiedirektorin Dr. Ruth Bendels: Katholische Akademien und Corona.

"Für die Kirche haben wir eine bedeutende Scharnierfunktion"

Von Joachim Heinz (KNA)

Seit 2016 leitet Ruth Bendels das St. Jakobushaus in Goslar. Die Katholische Akademie des Bistums Hildesheim steht wie viele andere Akademien angesichts der Corona-Krise vor neuen Herausforderungen. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt die promovierte Literaturwissenschaftlerin, welche das sind.

KNA: Frau Bendels, inwiefern hat die Corona-Krise die Arbeit und die Angebote an der Akademie verändert?

Bendels: Wir haben viel über Online-Formate nachgedacht und einiges

entwickelt: Podcasts, kurze Filme zu Themen wie "Fake News" im Rahmen unserer Projekte zur politischen Bildung oder Online-Seminare für Ehrenamtliche. Wir sind immer da besonders ins Nachdenken gekommen, wo ich bisher eigentlich unsere Stärke gesehen habe: Wie kommen Menschen wirklich in Kontakt miteinander? Wie können sich Haltung, Werte und informelles Wissen weiterentwickeln in digitalen Formaten?

KNA: Haben Sie Antworten gefunden?

Bendels: Digital allein ist nicht die Lösung. Wir haben das auch in unseren eigenen Videokonferenzen gesehen. Es lässt sich gut und zielstrebig arbeiten, aber die Kreativität, der Witz und die vielen guten Ideen, die wir ansonsten miteinander haben, schaffen es nicht im gleichen Maß in die digitalen Kanäle - und die habe ich wirklich vermisst.

KNA: Können Sie den Einschnitt durch die Corona-Krise beziffern?

Bendels: Normalerweise haben wir im Monat 300 bis 400 Gäste und 20 bis 30 in der Regel mehrtägige Veranstaltungen. Mit Beginn der Corona-Krise fielen alle Veranstaltungen aus oder wurden verschoben.

Nicht nur ökonomisch ist das ein Desaster. Unsere Gäste waren toll, viele haben sich gemeldet, manche haben freiwillig Beiträge für ausgefallene Seminare bezahlt oder sogar größere Summen gespendet.

Umso schlimmer finde ich die Vorstellung, dass manche ältere oder vorbelastete Teilnehmer trotz all unserer Vorsicht nur mit Sorge wieder in die Akademie kommen.

KNA: Hat die Krise auch positive Effekte?

Bendels: Es ist sicher gut, einerseits stärker über digitale Formate nachzudenken, andererseits darüber, worauf man sich bei Präsenzveranstaltungen konzentriert, wenn die Einschränkungen noch sehr groß sind. Aber insgesamt tue ich mich schwer, über positive Effekte dieser Krise nachzudenken. Wir sprechen ja nicht über die Ölpreiskrise.

KNA: Wie meinen Sie das?

Bendels: Viele Menschen haben diese Pandemie mit dem Leben bezahlt.

Wie soll man einen Digitalisierungsschub, ein neues Nachdenken dazu ins Verhältnis setzen - zu dem wir uns noch dazu ja auch einfach so hätten aufmachen können. Wenn schon, würde ich der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy folgen: Vielleicht schaffen wir in all dem Schrecken, über die "Weltuntergangsmaschine" nachzudenken, die wir geschaffen haben.

KNA: Wann rechnen Sie mit der Wiederaufnahme des Regelbetriebs?

Bendels: Wir haben in den vergangenen Wochen ein ausführliches Hygienekonzept erarbeitet und unseren Betrieb jetzt mit sehr kleinen Gruppen wieder aufgenommen. Es fühlt sich noch wie ein Experiment an, bei dem man an allen Ecken und Enden besonders vorsichtig sein muss.

Als wir unser neues Halbjahresprogramm verschickt haben, hat es Anmeldungen förmlich geregnet. Das beeindruckt mich schon etwas.

Dennoch denke ich: Bis alles wieder "normal" läuft, wird es noch eine Weile dauern.

KNA: Die Kirchensteuereinnahmen gehen zurück. Was bedeutet das für die Arbeit der Akademien?

Bendels: Dass finanzielle Ausgaben nur dann zu vertreten sind, wenn durch sie gute und wichtige Dinge erreicht werden können - das ist ja schon lange unser täglich Brot und auch richtig. Ich denke umgekehrt aber auch und vor allem, dass den Akademien gerade jetzt eine entscheidende Aufgabe zukommt. Und zwar sowohl für die Kirche als auch für die Gesellschaft.

KNA: Das heißt?

Bendels: Ich will drei Aspekte nennen. Erstens: Für die Kirche haben wir eine bedeutende Scharnierfunktion. Mein Haus zum Beispiel erreicht im Jahr 3.000 bis 4.000 Menschen, die ansonsten nur in lockerem oder gar keinem Kontakt zur Kirche stehen. Ich höre oft, dass Menschen diese Begegnung als neuen, wiedergefundenen oder wenigstens bereitstehenden Anknüpfungspunkt an das sehen, wofür wir als Kirche stehen. Zweitens: Wenn Kirche gesellschaftlich relevant sein will, muss sie auch intellektuell in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen Gesprächspartner auf Augenhöhe sein und Menschen zur Mitgestaltung von Gesellschaft anregen. Akademien leisten da einen entscheidenden Beitrag.

KNA: Drittens?

Bendels: Katholische Akademien sind einer von gar nicht so vielen öffentlichen Orten, an denen frei von wirtschaftlichen Interessen über Gesellschaft intensiv nachgedacht und gestritten werden darf - und zwar nicht nur von Katholikinnen und Katholiken, sondern von allen. Diese Orte sind nicht nur ein gesellschaftlicher Schatz, sondern lebenswichtig für eine gute, nachdenkliche und freundliche Gesellschaft.

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